Hartmut Freund einziger Deutscher bei Weltspielen für Leistungssportler mit mentaler Behinderung

Bei den Olympischen Spielen sind es Länder wie Fidschi, Nepal oder Barbados, die bei der Eröffnungsfeier nur mit einer Handvoll Sportlern einlaufen. Bei den Global Gamesdes Weltverbands INAS, den nur alle vier Jahre stattfindenden Weltspielen für Leistungssportler mit mentaler Behinderung, wird ausgerechnet Deutschland in eineinhalb Wochen in Australien nur von einem Athleten vertreten: dem Tischtennis-Spieler Hartmut Freund.

Und obwohl der Sportler des BSV Walldorf wegen seiner schweren geistigen Behinderung nur geringe Medaillenchancen hat, wird sein Start in Brisbane von keinem Geringeren als Tischtennis-Superstar Dimitrij Ovtcharov unterstützt. Da der vom Deutschen Behindertensportverband (DBS) für die Weltspiele gemeldete 51-Jährige die Teilnahmekosten für sich und seine beiden Betreuer selbst finanzieren muss, hat seine Familie eine Crowdfunding-Kampagne über die Plattform Kam-on! initiiert. Auch Ovtcharov hat nun für den Bezieher einer Erwerbsminderungsrente auf Sozialhilfe-Niveau gespendet.

Hartmut Freund ist etwas Besonderes. Seine Intelligenzminderung ist viel gravierender als die fast aller seiner Gegner in der Startklasse 11 (intellektuelle Behinderung). Er hat einen IQ von 46 – der in der Regel rund 20 bis 30 IQ-Punkte niedriger ist als der seiner Gegner, die oft Auto fahren können und Fremdsprachen sprechen. Außerdem ist er Autist. Dennoch erreichte Freund bei den INAS-Europaspielen im vorigen Jahr in Paris Bronze im Herren-Einzel und gewann schon sechs Medaillen bei Weltranglistenturnieren des Tischtennis-Weltverbands ITTF. Und bei insgesamt acht Teilnahmen an Welt- und Europameisterschaften der Weltverbände INAS und ITTF seit 2011 hat er es im Herren-Einzel bisher sieben Mal in die Finalrunde der besten Spieler geschafft.

Etwas Besonderes ist Freund auch deshalb, weil er der weltweit einzige Tischtennis-Sportler ist, der in diesem Jahr an den Weltspielen beider Weltverbände für Sportler mit intellektueller Behinderung teilnimmt. Edelmetall wie im März bei den ebenfalls alle vier Jahre ausgetragenen World Gamesder Special Olympics in Abu Dhabi, wo er im Einzel und im Doppel Silber in der stärksten Leistungsklasse gewann, dürfte aber in Brisbane außer Reichweite sein. Denn während bei den Special Olympics auch viele Sportler mit schwerem Handicap am Start sind, dominieren bei den INAS-Weltspielen in Freunds Startklasse leichter beeinträchtigte Spieler. Zudem sind in Brisbane zum ersten Mal – eine weltweite Premiere im Leistungssport der intellektuell Behinderten – auch die Festland-Chinesen am Start, die wegen ihrer Dominanz im Regelsport als stark eingeschätzt werden.

Zwar bietet INAS nun zwei weitere Startklassen bei seinen Weltspielen an. Doch während eine nur Sportlern mit Down-Syndrom offensteht, ist die andere Autisten ohne Intelligenzminderung vorbehalten. Freund ist zwar Autist, hat aber auch eine schwere Intelligenzminderung. Zudem hat er zwar einen noch niedrigeren IQ als die meisten Down-Syndrom-Sportler, hat aber kein Down-Syndrom. Daher darf er in diesen Klassen nicht starten. Der DBS hatte bereits in 2013 einen Antrag bei INAS zur Einführung einer Startklasse für Tischtennis-Sportler wie Freund gestellt, die eine schwere geistige Behinderung haben. Dies lehnte INAS aber nach anfänglicher Befürwortung mangels Zuständigkeit ab – unter Hinweis darauf, dass die Verantwortung für die Tischtennis-spezifische Klassifizierung bei der (vom Deutschen Thomas Weikert geführten) ITTF liege. Dort aber liegt nach Angaben des Para Table Tennis Managers der ITTF, Pablo Perez, kein entsprechender Antrag des DBS vor.

Für Hartmut Freund ist indes all dies nicht von Bedeutung. Zum einen versteht er es nicht. Zum anderen tritt er in der Bezirksliga des Nichtbehindertensports für den TTC Bietigheim-Bissingen stets gegen Spieler an, die gar keine Behinderung haben. Erst vor zwei Wochen holte er bei den Bezirksmeisterschaften Bronze im Einzel der über 50-jährigen Senioren – einer Startklasse ohne Spielstärkebegrenzung (TTR-Limit). Seine in Abu Dhabi gewonnenen Silbermedaillen dienen ihm zwar – eine für Autisten typische Verhaltensweise – als Talisman: Er steckt sie jedesmal in die Hosentasche, wenn er das Haus verlässt. Jedoch stehen für ihn, der während der Sätze sowieso nie mitzählt, bei den Global Games die Teilnahme als solche und der Spaß am Tischtennis im Vordergrund. Wovon sich jeder überzeugen kann, der die Videos auf seiner Facebook-Fanpage anschaut.

Die mit Kam-on vereinbarte Mindestzielmarke von 3.500€ wurde jetzt erreicht, doch die Aktion läuft wie geplant noch eine Woche, da die Kosten insgesamt 8.400€ betragen.

https://kam-on.de/projekt/global-games-mit-hartmut

Spendenaufruf unter folgendem Link (gerne kopieren und im Browser einfügen, dann öffnet sich der Link):  

https://kam-on.de/projekt/global-games-mit-hartmut

YouTube-Video:

 

 

 

Die Kommentare sind geschlossen.